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Takehito Koganezawa - PAINT IT BLACK

Takehito Koganezawa & Heribert Friedl

Mitte Februar startet das Ausstellungsprogramm mit zwei sehr unterschiedlichen Positionen, die sich beide unmittelbar auf die räumliche Situation der Stadtgalerie beziehen. 

Installationsansicht

Takehito Koganezawa, Paint it Black, and Erase, Videostill, Dimension Variable, no sound, Installationsansicht

Als Zeichner, Videokünstler und Performer entwickelt Takehito Koganezawa (*1974 in Tokio) Bild-Installationen, die aus der Dynamik seiner Hand oder seines Körpers entstehen, um mit Hilfe von bewegten Videoprojektoren und Kameras Zeit als Bewegung sichtbar zu machen. Im Fluss dieser Bilder entfaltet sich dabei eine geradezu malerische Ästhetik.
Nach seinem Studium an der Musashino Art University in Tokio hat Koganezawa seinen ersten Auftritt 1997 in der Yokohama Citizens‘ Art Gallery mit einer Raumprojektion in drei Videobildern, auf denen er Malerei durch Flüssigkeiten entstehen lässt, die langsam über eine Wand rinnen. Kurz darauf erhält er ein Auslandsstipendium, das ihn nach Berlin führt, wo er heute noch lebt und arbeitet.
Ausgehend von der Videokunst erweiterte er seine Ausdrucksmöglichkeiten hin zur Performance und macht die eigenen Körperbewegungen zu einem integralen Bestandteil seiner Arbeit.

Eine besondere gestische Qualität prägt die Videoarbeit Paint it Black, and Erase in der langen Galerie im ersten Stock. Dort entfalten sich auf verschiedenen Großprojektionen ineinander fließende, nur für wenige Sekunden bestehende Zeichnungen, die der Künstler auf einer Glasscheibe mittels Crememasse immer wieder neu hervorbringt. Jedes dieser Cremebilder entsteht und verschwindet in einem permanenten Übermalungsprozess, so als handelte es sich um animierte Gemälde von Bridget Riley. Der performative Impuls verweist hier – wie bei Koganezawas eigentlichen Performances – durchaus auf die Aktionen der japanischen Gutai-Künstler, die bereits in den 1950er Jahren Körperlichkeit und Vergänglichkeit in den Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung stellten. Gleichzeitig ist dabei auch Koganezawas Bezug zur Tradition der ostasiatischen Kalligrafie unübersehbar. Es ist die Erfahrung der verrinnenden Zeit, die in seinen bewegten Bildern gegenwärtig wird.

In der dreiteiligen Videoarbeit Setting the Butterfly Free im hinteren Raum wird diese Verbindung von Zeichnung, Körper- und Videokunst zu einem poetischen Erlebnis, wenn er die Seiten eines mit Farbpunkten durchtränkten Notizbuchs in der Art eines Daumenkinos zum Leben erweckt, um die Farben zum flattern zu bringen. Darin äußert sich Koganezawas Ambition und Fähigkeit, das Geheimnis und den Humor in ganz alltäglichen Dingen und Situationen aufzuspüren. Indem er sein künstlerisches Material in Bewegung versetzt, bringt er den körperlichen, performativen Aspekt ins Spiel und fesselt unsere Aufmerksamkeit.
Auch in seiner jüngsten Arbeit Why We build bringt Koganezawa klassische Objekte zum Rotieren. Sie zeigt eine Videoprojektion, in der auf drei hintereinander liegenden Ebenen einfache Skulpturen auftauchen, die sich nacheinander zu drehen beginnen. Sie erscheinen vor einem sich kaum merklich verändernden Farbhintergrund, der die Stimmung verändert, in der sie zu sehen sind. Wenn wir bisher Skulptur als etwas Statisches, vielleicht Monumentales wahrgenommen haben, belehrt uns Koganezawa eines Besseren. Seine „Skulpturen“ bestehen aus unförmiger Knetmasse und fordern unsere Aufmerksamkeit zunächst lediglich durch ihre rotierende Bewegung. In diesem Sinne steht Why we Build auch unmittelbar in Verbindung zu Koganezawas frühen Performances, wie Closed Anima (2001), in denen er sich selbst als Sack, als Skulptur durch den Ausstellungsraum bewegte. Es geht dabei um den Skulpturbegriff selbst, die Konnotationen, die mit abstrakten Formen verbunden sind und sich in dem Moment verändern oder auflösen, wenn sie in Bewegung geraten.
Diese abstrakten Videoarbeiten erweitert der Künstler in Saarbrücken mit seiner Rauminstallation Other Person’s Shoe. Hier bringt er erstmals eine Kombination von Projektion und Diorama zum Einsatz, in der er brisante politische Ereignisse reflektiert und die problematische Berichterstattung um den IS und seine internationalen Geiselnahmen in den Blick nimmt. Dabei geht es Koganezawa konkret um die Enthauptung zweier japanischer Journalisten durch das islamistische Terrorregime im Januar 2015, die im Internet als Video zu sehen war. Der Künstler überträgt diese Bilder in Dioramen von Wüstenlandschaften, in denen die Abwesenheit der Körper das Unaussprechliche besonders eindringlich vergegenwärtigen.