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Martin Melcher

Martin Melcher (*1986 in Rudolstadt/Thüringen) studierte Mediendesign und Kunst an der Bauhaus Universität in Weimar. Für sein Projekt Trautes Heim erhielt er 2016 den Media Art Award der Bauhaus-Universität Weimar.

Martin Melcher, Trautes Heim, Fotoinstallation, Stadtgalerie Saarbrücken, 2016

Martin Melcher, Trautes Heim, Fotoinstallation, Stadtgalerie Saarbrücken, 2016

Spezialisiert auf Camera Obscura und die Lochkamera und fasziniert davon, einen simplen Raum in eine Camera Obscura zu verwandeln, spielt Melcher mit den Möglichkeiten, die reale Welt als virtuelle Projektion darzustellen. In diesem Umfeld lässt er Menschen in seinem Projekt „Trautes Heim“ über die Definition des Begriffs „Heimat“ sprechen. 

Heimat ist der Ort, in dem man aufgewachsen ist, wo die Familie ist - aber Heimat ist auch ein Gefühl, eine Erinnerung, ein Geruch, eine Situation oder das Sprechen der Muttersprache. Man kann sie ganz gut beschreiben, wenn man sie erstmal angefangen hat zu vermissen, und auch dafür gibt es ein Wort: „Heimweh“. Martin Melcher versucht neue Bedeutungen von Heimat zu ergründen, gerade im Kontext der Flüchtlinge, die nach Europa, Deutschland oder in Melchers Heimatstadt Rudolstadt kommen. 

Der nüchterne An- und Ausblick von einer Flüchtlingsunterkunft wird in Trautes Heim mittels der Projektionstechnik der Camera Obscura auf den Kopf gestellt. Die Grenzen zwischen Innen und Außen scheinen sich aufzulösen, indem sich der identitätstragende Begriff der Heimat, in Form von realen Projektionen der Landschaften rings um die Unterkunft, plötzlich im Innern auf der kargen Einrichtung wiederfindet und die Gedanken und Portraits der Geflüchteten auf die scheinbare Normalität des Lebens in Thüringen treffen.

„Im November 2014 wurde aus dem ehemaligen Bildungszentrum in Unterwellenborn innerhalb weniger Wochen eine Gemeinschaftsunterkunft für mehr als 75 Flüchtlinge. Zum Zeitpunkt der Eröffnung lebten dort ausschließlich Männer aus den Kriegsgebieten in Syrien, später Westbalkanstaaten, Afghanistan und Somalia. Sie haben Familien, Angehörige und Freunde zurücklassen müssen, um ein neues Leben in Deutschland beginnen zu können. Ihre zeitweilige Heimat: ein ehemaliges Schulungsgebäude für Ausbildungsberufe am Rande des Thüringer Waldes. Ein Leben auf fünf Etagen und 28 Zimmern, einer Herberge gleichend.
Für dieses Buch habe ich im Verlauf von sechs Monaten mehrere Räume der Gemeinschaftsunterkunft in raumgroße Camera Obscura verwandelt und fotografiert. Die entstandenen Bilder zeigen die reale Projektion der Umgebung der Unterkunft durch ein kleines Loch mit optischer Linse. Auf dem Kopf stehende, seitenverkehrte Abbilder der Realität erscheinen auf Raufasertapete im Innern. Ein Einblick in die inneren und äußeren Zustände einer Flüchtlingsunterkunft und der Versuch, eine räumliche Verortung zu schaffen, in der sich das für uns so fremde Leben der Flüchtlinge in einer Projektion der uns vertrauten Heimat darbietet.

Es ist der Begriff der Heimat, der mich eingenommen hat, den wir im Deutschen klar benennen, aber nur schwer übersetzen können. Mit dem „trauten Heim“ bezeichnen wir gerne die eigenen vier Wände, in denen sich das „Glück allein“ findet. Doch welche Bedeutung kommt diesem Begriff hinzu, wenn wir jene Menschen zu Wort kommen lassen, die ihre Heimat verlassen oder verloren haben?“ (Martin Melcher)